5/03/2015

[Gedicht die Dritte] Lob dem Vergänglichen - Ā. Elksne

Lob dem Vergänglichen 

Grauer Himmel. Nebelschwaden. 
Schnee ringsum, ein weißes Meer. 
Und es schmeckt mir alles fade, 
und mein Herz ist liebesleer. 

Bin verflucht ich, wie ein Schemen
ohne Blut und ohne Leib, 
ohne fieberhaftes Sehnen 
ein Phantom zu sein, nicht Weib?

Ach der Leib!... Jedoch was täten 
ohne brünstiges Gefühl, 
ohn' den Leib, den vielgeschmähten, 
unsre Seelen, die steril?

Ja, ich preise, was vergänglich:
Haut und Herzblut und Gebein, 
jedes Atemzuges Wärme, 
jeder Träne matter Schein...

Und die Macht, die wie ein Wunder 
lockt und ruft und uns vereint, 
und die viel zu kurzen Stunden
trauter Hingegebenheit. 

Ārija Elksne


Wer meinen letzten "Gedankenschnipsel" zur Buchmesse gelesen hat, dem ist jetzt vielleicht eine ganz, ganz dunkle Erinnerung im Kopf entgegen gesprungen gekommen (oder getorkelt - der Post ist ja schon ein wenig älter und klappriger auf den Beinen :D): Ja, das ist das Buchmessen-Moment-Gedicht (was für eine Wortkonstellation). Live und in... na ja, eigentlich schwarz-weiß, aber ihr versteht, was ich meine. Über den Buchmessen-Moment habe ich ja bereits im Buchmessen-Post geschrieben, wer also das Verlangen verspürt, darüber unbedingt mehr zu erfahren, kann über diesen Link seine Blog-Bedürfnisse stillen. 

Aber eigentlich geht es mir bei den "Gedicht"-Posts darum, ein bisschen Lyrik zu teilen, die sonst oft genug im großen Literatur-Dschungel untergeht. Gedichte sind ein kleines Emotions-Konzentrat und die Schönheit, die hinter ihnen steckt, wird viel zu oft, viel zu wenig geschätzt. Die großen Themen Liebe und Freude oder - wie in diesem Fall - Tod und Vergänglichkeit, für die man als Autor ganze Buchreihen braucht, um sie im Endeffekt doch noch nicht ansatzweise ergründet zu wissen, greifen Gedichte in (vergleichsweise) wenigen Strophen auf. Das ist das Tolle an ihnen. Ein bisschen Philosophie zum Auf-Der-Zunge-Zergehen-Lassen und Lang-Nachklingen.

Ārija Elksne greift in ihrem Gedicht die Vergänglichkeit auf. Des Lebens. Der Existenz. Wie man es auch nennen will. Vergänglichkeit ist in der Literatur ein großes Wort, ein ziemlich großes Thema. Und allein die Existenz von Religionen beweist, dass sie mehr beschäftigt, als vielleicht zugegeben werden will.

Ich persönlich könnte regelmäßig über den Gedanken verzweifeln, dass das Leben in dieser Hinsicht eine gewisse Banalität hat. Wir werden geboren, wir leben, wir sterben und irgendwann vergessen*. Irgendwie traurig, der Gedanke, dass selbst die großen Namen in den Geschichtsbüchern - zusammen mit der ganzen menschlichen Existenz - irgendwann einem Kometen, einer Supernova oder einem Szenario, das ich mir wahrscheinlich gar nicht vorstellen kann, zum Opfer fallen werden.
Nun stellt sich diesbezüglich eine Frage: Wenn alles, was wir tun, eigentlich irgendwann nichtig sein wird, wieso tun wir es dann überhaupt? Wieso stellen wir uns einem Leben, das eigentlich keinen Sinn hat?

Weil. Wir. Es. Können.


Weil wir aus all den abermillionen Möglichkeiten hier sind. Genau davon erzählt das Gedicht. Die Vergänglichkeit macht eine Sache - wenn man pessimistisch denkt - durchaus banal, aber optimistisch betrachtet, macht sie sie kostbar. Wieso rennen Menschen Erstausgaben von Büchern hinterher, wenn sie den selben Inhalt in der 17. Auflage haben können? Weil sie limitierter ist, als der Rest. Das Leben ist limitiert, das Leben ist selten. Es ist hässlich und schön und manchmal zum verrückt werden. Und wir sind hier, weil eine ganze Menge vollkommen zufällige Dinge einen vollkommen zufälligen Lauf genommen haben, bis sie irgendwann zufällig enden. Wir sind hier und wir können all diese vergänglichen Gefühle und Gedanken haben und nur staunen, weil wir niemals alles um uns herum verstehen können. Und damit bieten sich uns wiederum endlose Möglichkeiten in einem ganz und gar endlichen Zeitraum. Und alles, was uns übrig bleibt, über diesen Gedanken, ist ihn zu nehmen und uns für die Banalität oder für die Besonderheit zu entscheiden. Wir können uns in Wunschvorstellungen flüchten und von einem Leben nach dem Tod träumen (und eine Menge Menschen machen das und werden dadurch durchaus glücklich). Ich halte mich mit Ārija Elksne und lobe mir die Vergänglichkeit. Das Leben ist zu kurz, um diesen Aspekt von ihm [nämlich die Endlichkeit] größer zu machen und darüber alle wahren Wunder zu vergessen. Denn am Ende sind nicht die Jahre, die wir existiert, sondern die Jahre, die wir gelebt haben, von Bedeutung. (Los, stickt das auf ein Sofakissen, bevor es in den unendlichen Weiten des Internets verschwindet! ;))

So. Jetzt hab ich aber wirklich genug herumphilosophiert. Ich denke, dass sich sowieso jeder seine eigene Meinung zu Literatur bilden soll. Vielleicht sehr ihr die Dinge ja ganz anders (und seid sogar gewillt sie in Form eines Kommentars zu teilen - na? Naaaa? Nein, fühlt euch nicht unter Druck gesetzt xD). Auch okay, dafür habt ihr ja ein eigenes Gehirn und keine geklonte Version von meinem ;)

Liebe Grüße,Antonia

* Nun könnte man auch darüber philosophieren, wann eine Sache wirklich Bedeutung hat. Ist es wichtig, dass die Welt sich an uns erinnert? Ist es wirklich so, dass wir nur für die anderen leben, die uns idealisieren oder verteufeln? Vielleicht kommt es auch einfach nur darauf an, den ganzen Zirkus zu genießen, bis er eben vorbei ist. Wir leben nur einmal und wenn wir tot sind, kann es uns sowieso egal sein, was andere von uns denken, weil wir... Na ja... tot sind.

[An die Leute, die nun: "Cool, dann muss ich mir ja gar keine Mühe mehr geben, ein netter Mensch zu sein, wenn es mir ja eigentlich sowieso keine Rolle spielt und nicht überdauert (ob lebendig oder tot)." denken - hier ist es, wie beim Nett-Sein um des Himmel-Hölle-Religions-Dinges: Wenn ihr nur nett seid, um eine "Belohnung" (im Sinne von Anerkennung durch Mitmenschen, religiöse Versprechungen nach dem Tod etc.) zu bekommen, seid ihr vollkommen moralisch verarmt.]

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Danke, dass ihr durch eure Kommentare aktiv zum Training von Antonias Sprunggelenken beitragt. Sollte sie nach eurem Kommentar länger nichts posten, liegt es nahe, dass sie sich beim Rückwärts-Flick-Flack nach dem Entdecken einen Wirbel ausgerenkt hat.

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