5/10/2015

Rezension: "Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums" von Benjamin Alire Sáenz

»Und noch ein Geheimnis des Universums: Schmerz ist manchmal wie ein Sturm, der aus dem Nichts kommt. Der klarste Sommermorgen kann in einem Gewitter enden. Kann in Blitz und Donner enden.« (S. 278)




Die Vögel tschwitschern, die Luft fühlt sich an, als könnte man regelrecht in Luftfeuchtigkeit baden und irgendwo sitzen ein paar arme Abiturienten am Schreibtisch und büffeln auf die letzten Prüfungen hin (ich darf mich noch ein bisschen drüber lustig machen, bin erst nächstes Jahr dran :P). Ich habe es endlich geschafft, mich für den Führerschein anzumelden, meine Katze ist gerade wieder in chronischer Kuschellaune. So ist das Leben. Ein bisschen unspektakulär und zwischendrin ein einziges großes Geheimnis. Des Universums. Mit diesem Grundtons des Buches möchte ich beginnen.



Der Autor

Back to the very basics. Benjamin Alire Sáenz. Jahrgang 1954. New Mexico. US-amerikanischer Schriftsteller und Lyriker. So viel zu den Randfakten, die verdammt sind, von eurem Gehirn automatisch ins Kurzzeitgedächtnis gesiebt zu werden. Doch irgendwie hat es schon ein wenig Philosophie an sich, dass wir uns zwar nicht so gut merken, dass Sáenz 1954 in New Mexico geboren wurde, aber die Art wie er schreibt. Zahlen machen vielleicht unsere Biografie, aber die kleinen Charakterzüge, die Art wie wir sprechen und was wir tun den Gesprächs- und Erinnerungsstoff. Sáenz ist poetisch, ohne aufregend zu sein. Das ist wichtig. Und er weiß, wovon er schreibt. Das auch. Was er sagt, ist authentisch, ohne es sein zu wollen, sondern weil es einfach in seiner Natur der Erzählung liegt. Er spricht von Dante und Dantes Gefühlen und verarbeitet darin die eigenen. Das ist bei vielen Schriftstellern nicht grundsätzlich Voraussetzung - das sie wissen, wovon sie schreiben. Aber wenn man mal einen gefunden hat, der es weiß, dann sollte man ihn auf jeden Fall im Auge behalten.




Die Geschichte hinter der Geschichte 

Ich wurde hoffnungslos vom Titel geködert. Und auch ein bisschen vom englischen Cover. Aber primär vom Titel. Wirklich. Das Buch hatte sich vor geraumer Zeit, als es noch keine deutsche Übersetzung gab, auf meinen Tumblr-Dashboard verirrt und ist mir seither als stilles Echo im Kopf geblieben. Wie eine einzelne Gedichtzeile - "Aristotle and Dante discover the secrets of the universe" -, aber wie das halt so ist, verblassen manche Gedichtzeilen langsam, bis wir sie in uns durch Zufall wieder entdecken. Als ich das Buch im Buchladen gesehen habe, musste ich wirklich nicht lang überlegen, da ich so von seiner übersetzten Existenz beeindruckt war, dass mich voll und ganz die "Haben"-Stimmung gepackt hat. 




Das Buch (außen, Randfakten)

Ich habe das Buch für den normalen Preis von 16,99€ gekauft, die Österreicher müssen mit 17,50€ wieder ein wenig tiefer in die Tasche greifen. Das englische Original ist 2012 unter dem Titel "Aristotle and Dante discover the secrets of the universe" bei Simon & Schuster in Amerika erschienen, 2014 folgte dann die Veröffentlichung bei Thienemann. 
Das deutsche Cover ist unaufgeregt und in eher ruhigen Farben gehalten. Ich persönlich finde es sehr schön (weshalb ich es auch letzten Montag für den Cover Monday erwählt habe), gerade weil es nicht vorgibt, aufregend zu sein. Es ist - wie die Geschichte - nicht in einer Form aufwühlend, die dich schüttelt und umhertreibt, sondern still einnimmt und im Kleinen etwas sehr Großes erzählt. Deshalb ist es durchaus sehr gut getroffen und passend.






Das Buch (innen)


Sáenz erzählt mit "Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums" in einer - bereits durch die Covergestaltung angedeuteten - Schlichtheit eine persönliche Geschichte, die nicht vorgibt größer sein zu wollen, als sie ist. Thematisiert wird alles, was die Jugend so ausmacht: Finden und Gefunden werden, Entscheidungen treffen, Barrieren überwinden - eine Hymne der Unsicherheit und Herrlichkeit des wahrscheinlich aufwühlendsten Lebensabschnittes eines Menschen. 

»Warum lächeln wir? Warum lachen wir? Warum fühlen wir uns allein? Warum sind wir traurig und verwirrt? Warum lesen wir Gedichte? Warum weinen wir, wenn wir ein Gemälde sehen? Warum ist unser Herz in Aufruhr, wenn wir lieben? Warum schämen wir uns? Was ist das Ding in unserer Magengrube, das wir Sehnsucht nennen?« (S. 6)

Alles wird in kurzen Sätzen und Kapiteln erzählt und es fiel mir wirklich mehr als schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Die Geschichte hat keinerlei überdrehte Dramatik, aber eine menge Ehrlichkeit. Und ich habe sie verschlungen, in ihrer ganzen großartigen ruhigen Schnelllebigkeit. Der Handlungszeitraum beträgt ein Jahr, in dem ohne große Aufregung eine Menge Aufregendes passiert. Diese Ehrlichkeit, also die Tatsache, dass die spektakulärsten Dinge im Leben doch eine ziemlich unspektakuläre Stimmung mit sich bringen, ist erzähltechnisch größtenteils auch Dantes Ruhe zu verdanken. Damit meine ich nicht, dass er - also der Protagonist, Dante, - grundsätzlich immer ruhig bleibt und nie aufgewühlt ist. Er ist sogar ziemlich oft aufgewühlt, aber ohne wirklich aufgewühlt zu sein. Er ist umhergetrieben, bewegt sich aber nicht. Die ganze Sache hat einen Fluss, den man wahrscheinlich nicht beschreiben kann, sondern fühlen muss. Große Emotionen vollkommen ungekünstelt. Wie bereits erwähnt: Sáenz weiß, wovon er schreibt. Und das merkt man. 





Wer sollte dieses Buch lesen?

Umgetriebene, auf der Suche nach dem eigenen Selbst oder die sich zumindest mit diesem Thema identifizieren können. Für Wort-Liebhaber und Texte-Auf-Der-Zunge-Zergehen-Lasser ist es sicher auch eine Empfehlung wert, aber wer große Dramatik wünscht, sollte eher zu einem anderen Buch greifen, da die Dinge - wie bereits oben erwähnt - eher ruhig von statten gehen (was nicht heißen soll, dass es keine Emotionen - ich habe schon des öfteren ein paar Tränen verdrücken müssen - und keine überraschenden Wendungen gibt) - aber es ist einfach nicht überdreht.





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